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Krankenhäuser stehen vor der Zerreißprobe

Südniedersachsens Krankenhäuser fordern in gemeinsamer Aktion akute Hilfe von der Politik.
Niedersachsens Krankenhäuser stehen vor einer Zerreißprobe.

Das Krankenhausbett, das auf einem Transparent abgebildet zwischen zwei Lastwagen hängt, ist bis zum Zerreißen gespannt. Mit dieser symbolischen Aktion haben die Krankenhäuser in der Region Hildesheim und Südniedersachsen heute auf dem Hildesheimer Marktplatz auf die angespannte Lage innerhalb der Kliniken aufmerksam gemacht. Impulsgeber für die Veranstaltung ist die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft (NKG), die mit ihrer landesweiten Sommertour unter dem Motto „Die Krankenhäuser stehen vor einer Zerreißprobe“ von Ende August bis Anfang September in insgesamt sieben Städten Halt macht.

„Die Situation der Krankenhäuser ist so angespannt wie nie zuvor“, stellt Stefan Fischer, Geschäftsführer des St. Bernward Krankenhauses in seiner Funktion als Geschäftsführer der NKG-Bezirksarbeitsgemeinschaft Hildesheim, fest. „Akut führen vor allem die massiv gesteigerten Kosten für Energie, medizinische Produkte, Medikamente sowie Lebensmittel bei vielen Krankenhäusern zu einer wirtschaftlichen Schieflage bzw. verstärken diese noch.“ Für den Elisabeth Vinzenz Verbund, zu dem neben zwölf weiteren Kliniken auch das St. Bernward Krankenhaus gehört, rechnet Fischer für das Jahr 2022 mit Mehrkosten von etwa 10 Millionen Euro – und das nur im Bereich Energie.

„Diese zusätzlichen Belastungen werden derzeit durch keinerlei Refinanzierung aufgefangen“, ergänzt Jens Betker, Krankenhausdirektor im Ameos Klinikum Hildesheim und stellvertretender Geschäftsführer der NKG-Bezirksarbeitsgemeinschaft Hildesheim. Aufgrund des starren Finanzierungssystems könnten die Mehrkosten auch nicht in Form von Preiserhöhungen weitergegeben werden. Die Bezirksarbeitsgemeinschaft Hildesheim der NKG appelliere daher an die politischen Vertreter, das Thema in den Landes- und Bundesparlamenten auf die Agenda zu setzen und sich für eine Entlastung der Krankenhäuser zu engagieren.

Parallel dazu haben die Kliniken nach wie vor mit gravierenden personellen und wirtschaftlichen Belastungen infolge der Corona-Pandemie zu kämpfen. Seit dem ersatzlosen Auslaufen des Corona-Rettungsschirms im Juni werden die finanziellen Einbußen jedoch nicht mehr abgefedert. „Seit zweieinhalb Jahren versorgen wir in den Krankenhäusern die schlimmsten Auswirkungen der Pandemie. Die Mitarbeitenden arbeiten seit langer Zeit am Limit. Gleichzeitig sind die Kosten in einigen Bereichen um ein Vielfaches gestiegen. Eine solche Belastung geht an keiner Klinik, egal in welcher Trägerschaft, spurlos vorbei“, betont Sascha Kucera, Klinikgeschäftsführer am Helios Klinikum Hildesheim.

Fachkräftemangel, überbordende Bürokratie sowie eine ungenügende Investitions- und reformbedürftige Betriebskostenfinanzierung belasten die Kliniken bereits seit Jahren, ohne dass eine Verbesserung absehbar ist. Im Gegenteil: Die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser im Land verschlechtert sich zunehmend. Umfragen der NKG zufolge sind inzwischen mehr als drei Viertel der niedersächsischen Krankenhäuser mittel- bis langfristig in ihrer Existenz bedroht. In den Vorjahren traf dies auf rund zwei Drittel der Krankenhäuser zu. Der NKG zufolge ist damit die aktuelle Situation für viele Krankenhäuser existenzgefährdend. Wie die stationäre Versorgung unter den gegenwärtigen Bedingungen künftig flächendeckend und in der gewohnt hohen Qualität gewährleistet werden kann, ist fraglich. Nicht zuletzt angesichts einer erneut drohenden Pandemiewelle im Herbst- und Winter ist kurzfristig ein Inflationsausgleich zur wirtschaftlichen Absicherung der Krankenhäuser erforderlich.

Über akute Hilfsmaßnahmen hinaus muss mittelfristig das System der Krankenhausfinanzierung durch den Bund reformiert werden. Dieses setzt Fehlanreize und hat den Krankenhäusern im bisherigen Verlauf der Pandemie Defizite beschert, die nicht mehr kompensiert werden können. Angesichts eines Investitionsstaus von 2,5 Mrd. Euro für Krankenhausbauprojekte in Niedersachsen ist darüber hinaus eine dauerhafte Erhöhung der Investitionsmittel durch das Land erforderlich. Wichtige Investitionen etwa für Digitalisierung und Klimaschutz können die Krankenhäuser nicht aus eigener Kraft aufbringen.

Entscheidend für die Krankenhäuser sind zudem politische Weichenstellungen für eine bessere Personalausstattung. Die Pandemie hat gezeigt, dass mit Blick auf die Versorgungssicherheit das Personal der limitierende Faktor ist. Die Beschäftigten in den Krankenhäusern sind im dritten Jahr der Pandemie mit ihren Kräften am Ende. Wiederholte Phasen extremer Belastung haben angesichts dünner Personaldecken deutliche Spuren bei den Mitarbeitenden hinterlassen. Aufgrund der Corona-Sommerwelle und den damit einhergehenden Personalausfällen zeichnet sich auch jetzt keine Atempause für die Beschäftigten ab. Mit Blick auf den Herbst ist das besorgniserregend. Nach Ansicht der Krankenhäuser ist es deshalb erforderlich, das Klinikpersonal schnellstmöglich von den umfangreichen bürokratischen Dokumentationspflichten zu entbinden. Die gewonnene Zeit könnte unmittelbar für die Patientenversorgung genutzt werden. Die Krankenhäuser erhielten zudem mehr Spielraum in der Personalplanung, wenn Pflegepersonaluntergrenzen erneut ausgesetzt würden.

Besonders bitter ist aus Sicht der Krankenhäuser, dass das politische Versprechen mit der Einführung von Pflegebudgets für eine vollständige Finanzierung und damit bessere Arbeitsbedingungen der Pflegenden zu sorgen, bislang nur unzureichend eingelöst wurde. In der Folge bleiben die Krankenhäuser auf den Kosten für zusätzlich eingestellte Pflegekräfte sitzen. Aufgrund derzeit geplanter Haushaltskürzungen auf Bundesebene besteht sogar die Gefahr, dass für weitere Berufsgruppen in der Pflege die Refinanzierung entfällt.

„Die Pflege kranker Menschen kann eine zutiefst befriedigende, sinn- und wertstiftende Arbeit sein, wenn sie nicht durch ökonomische und bürokratische Zwänge reduziert und abqualifiziert wird. Die hier vorherrschende Negativentwicklung wird gerade auch von jungen Menschen genau verfolgt, die jetzt und künftig vor ihrer Berufswahl stehen. Das zeigt sich bereits in einem deutlichen Rückgang der Bewerberzahlen für die Krankenpflegeausbildung. Es muss also nicht nur dringend gegengesteuert werden, um die heutige Situation der Gesundheitseinrichtungen und ihrer Mitarbeitenden zu verbessern, sondern um – gerade auch in der Pflege – die Zukunft der Gesundheitsberufe und damit der Patientenversorgung zu sichern“ betont Birgit Töben, Krankenhausdirektorin des Johanniter-Krankenhauses Gronau.

 

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